5. – 10. Schuljahr

Wilfried Härle

Was ist Wahrheit?

Die Wahrheitsfrage als Grundfrage des Religionsunterrichts

Im folgenden Essay beschäftigt sich Wilfried Härle differenziert mit der Wahrheitsfrage. Ob es so ist oder so gewesen ist, fragen nicht nur Kinder und Jugendliche und meinen damit, ob das Erzählte (z.B. Wundergeschichten, Legenden) wie erzählt geschehen ist. Ebenso wird in den Naturwissenschaften unterstellt, dass auf der Basis empirisch bewiesener Thesen gearbeitet wird. Dem geht Wilfried Härle anhand der Unterscheidung zwischen Tatsachen- und Existenzwahrheiten sowie ihrer Überprüfung nach.1

1 Wahrheit als Übereinstimmung des Intellekts mit der Realität
Im Unterschied zu vielen anderen Begriffen bezeichnet der Begriff „Wahrheit bzw. das Adjektiv „wahr etwas Einfaches. Jedes Schulkind weiß, was gemeint ist, wenn von „Wahrheit im Unterschied zu „Lüge, „Irrtum oder „Nichtwissen die Rede ist. Dabei beziehen sich diese Worte meist auf sprachliche Äußerungen und zwar unter der Leitfrage, „ob es so ist, wie in der Aussage behauptet wird, ob die Aussage also „stimmt.
Mit dieser alltagssprachlichen Grundbedeutung von „Wahrheit trifft sich die spätestens bei Aristoteles nachweisbare klassische Definition der Wahrheit, derzufolge „Wahrheit die „Übereinstimmung zwischen Realität und Intellekt bezeichnet. Dabei wird diese sogenannte Adäquanz- oder Korrespondenzdefinition der Wahrheit in unterschiedlichen Formulierungen überliefert, von denen mir die in der Überschrift zu diesem Abschnitt gewählte „Übereinstimmung des Intellekts mit der Realität insofern die genaueste zu sein scheint, als sie im Unterschied zu der Rede von der „Übereinstimmung zwischen Intellekt und Wirklichkeit die mit dem Wahrheitsbegriff zum Ausdruck gebrachte Ausrichtung des Intellekts an der Wirklichkeit besser zum Ausdruck bringt. Den Unterschied zwischen beiden Formeln kann man sich leicht klarmachen an dem Vergleich zwischen zwei Situationen, in denen entweder der Intellekt sich an der Realität ausrichtet (und damit wahrheitsgemäß zu sein versucht) oder in der die Realität mit Hilfe des Intellekts im Sinne der Aussage verändert, also „zurechtgebogen wird. Das kann z.B. dadurch geschehen, dass ein Abschiedsbrief vernichtet oder ein Testament gefälscht wird, sodass dann der Satz stimmt: Es gibt keinen Abschiedsbrief bzw. es gibt nur dieses Testament. Zwar kommt es auch in diesen Fällen zu einer Übereinstimmung zwischen Intellekt und Wirklichkeit, aber diese hat dann den Charakter einer Irreführung oder Lüge, ist also das Gegenteil von „Wahrheit: Fake statt Fakt.
Die Rede von der Übereinstimmung des Intellekts mit der Realität ist aber insofern ungewohnt, als in ihr vom Intellekt und nicht von Aussagen die Rede ist. Das erscheint im Blick auf die intersubjektive Kommunikation zwischen Menschen als künstlich, findet hier doch (in der Regel) kein unvermittelter Austausch von Gedanken (keine „Gedankenübertragung) statt, sondern Kommunikation mit Hilfe von Worten und Aussagen. Trotzdem enthält die Rede vom Intellekt ein wichtiges Moment, um dessentwillen sie nicht nur akzeptiert, sondern der Rede von der Aussage sogar vorgezogen werden sollte: Das Wort „Intellekt erinnert daran, dass die Wahrheitsfrage sich in grundlegender Weise auch als die Frage nach der eigenen Erkenntnis der Wirklichkeit stellt. Mag auch gelten, dass diese Erkenntnis in irgendeiner Form sprachlich verfasst sein muss, um wahrheitsfähig zu sein, so zeigt sich hier doch eine gegenüber der Aussagen-Ebene grundlegendere Schicht, nämlich die der Erkenntnis von Wahrheit für den eigenen Intellekt, die noch ursprünglicher ist als die Frage nach der Wahrhaftigkeit, also nach der wahrheitsgemäßen Kommunikation. Insofern ist die Rede vom Intellekt in dieser Definition des Wahrheitsbegriffs ganz sachgemäß: Weiß ich eigentlich selbst, „was Sache ist und stimmt mein Reden damit überein?
Ich habe eben von „Sache gesprochen. Aber bei der Wahrheitserkenntnis...

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