1. – 13. Schuljahr

Johanna Rahner

Was ist Wahrheit?

Mit der Aufklärung wurde der Anspruch auf absolute Wahrheiten überwunden. In unserem „postfaktischen Zeitalter ist die Wahrheit einem radikalen Relativismus gewichen und zu einer Frage der Interpretation geworden. Einander ausschließende und kaum überprüfbare Wahrheitsbehauptungen begründen einen neuen Fundamentalismus, in dem die Deutungshoheit durch Fake News Machtansprüche festigt und ausbaut.

Die Szene und die Protagonisten sind bekannt: ein Angeklagter, die Ankläger und ein Richter. Und kunstvoll inszeniert ist sie, diese Szene von Verhör und Verurteilung Jesu durch Pilatus, wie sie uns der vierte Evangelist, Johannes, erzählt. Sie spielt mit allen Varianten dessen, was man sich unter dem Stichwort „einem den Prozess machen ausdenken kann: Arroganz der Macht, Brutalität, Verachtung, rohe Gewalt, politisches Kalkül, Zynismus, Hass, Intrige, ja Verrat bis zur Verleugnung der eigenen Überzeugungen. Und mittendrin die provokanteste und sperrigste aller Fragen: „Was ist Wahrheit? der zynische Unterton dieser, von der Arroganz der Macht gestellten Frage ist bis heute spürbar: Deine „Wahrheit gegen meine „Macht, Dich zum Tod zu verurteilen Vergiss es! Recht hat, wer die Macht hat
Später wird dieser Zyniker der Macht dann selbst in seine Schranken gewiesen ironische Dekonstruktion durch den vierten Evangelisten: Pilatus, der sich brüstet, alle Fäden in der Hand zu haben, wird zur Marionette seines eigenen politischen Intrigenspiels. Der Mob, den er versucht hat, für seine Zwecke zu instrumentalisieren, richtet sich gegen ihn. Er, der sich eben noch in seiner Macht zeigte, wird nur noch von seiner Angst getrieben und so der Lächerlichkeit seines angemaßten Gelten-Wollens preisgegeben. Und Jesus? Er, der wahre Mensch in absoluter, missbrauchter, verachteter Niedrigkeit; er, dem jegliche äußere Würde zunehmend genommen wird, er erweist sich zunehmend als jenes Urbild der Wahrheit der unantastbaren Würde des Menschen, die absolute Geltung einfordert, auch wenn, ja, gerade dort, wo sie mit Füßen getreten wird. Diese „Wahrheit der Würde des Menschen enttarnt alle menschlichen Bemächtigungsstrategien und zeigt ihre inneren Grenzen auf.
Und doch. In der späten Moderne scheint Pilatus für viele insgeheim zum Sympathieträger geworden zu sein. Das Vorbild des aufgeklärten Skeptikers, dem allzu starke Gewissheitsansprüche, zu Recht als „fundamentalistisch oder „dogmatisch verdächtig erscheinen. Denn ein Blick in die Geschichte zeigt: Der Anspruch, „die ewige Wahrheit in Händen zu halten sei sie nun religiös oder anderweitig weltanschaulich formatiert stürzt die Welt ins Unglück. Neigt doch jedes sich im Besitz der absoluten Wahrheit Wähnen zur Selbstvergottung und damit zur Exklusion des anderen, bis hin zu dessen Ausmerzung und Vernichtung. So wird gerade heute die Frage gestellt, wie ein Wahrheitsanspruch als solcher überhaupt begründet sein will, darf es doch als „Tatsache gelten, dass der Mensch die Wahrheit an sich nicht erkennen, geschweige denn auch noch (gepachtet) haben kann! Wahrheit, die gibt es nur als Plural von mitunter einander widersprechenden „Wahrheiten, soweit wie „ich und „Du und „Du und „Du sie eben je für uns selber erkennen können. Was „wahr sein soll, wird zum Ergebnis dessen, von dem ich jetzt gerade denke, dass es wahr ist, von dem ich hier und jetzt meine, dass es richtig ist. Und was für mich wahr und damit verbindlich ist, muss es für Dich noch lange nicht sein. Wahrheit wird zur „gefühlten Wahrheit im Plural. In gegenseitiger „Toleranz (woher immer man sie auch begründen mag) können bzw. sollen „wir dann unsere je eigenen Wahrheiten nebeneinanderstehen und uns gegenseitig am Leben lassen. Begründbar und erklärbar sind unsere Überzeugungen nicht; weil sie nicht überzeugen können und wollen. Wozu auch: Es sind Meinungen, über die man sich nicht einmal mehr streiten kann; denn von der Wahrheit selbst, so es sie...

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