5. – 6. Schuljahr

Anita Seebach

Muss ich immer die Wahrheit sagen?

Eine Auseinandersetzung mit religiösen Regeln und Geboten

Thematischer Schwerpunkt
Die Frage nach dem guten Miteinander bestimmt das Leben der Schülerinnen und Schüler, besonders im Übergang von der Grundschule zur weiterführenden Schule. Regeln sind bereits aus der Grundschule bekannt, bedürfen aber immer wieder einer Vergewisserung auf ihre Tragfähigkeit hin. Wie verhalte ich mich richtig, was ist richtig, was falsch, gelten Regeln immer und welche Regeln sollen gelten? Das sind Fragestellungen aus dem Erfahrungshorizont der Schülerinnen und Schüler. Zugespitzt wird das Thema in dieser Einheit auf die Frage nach der Wahrheit, weil sie als exemplarische und existentielle Situation jedem und jeder zugänglich ist. Der Erfahrungshorizont der Schülerinnen und Schüler wird in dieser Einheit mit der christlichen Religion und Tradition in Verbindung gebracht. Noch immer ist unsere Gesellschaft stark durch christliche Werte und Normen geprägt, die oft unbewusst einer Entscheidung zugrunde liegen. Die Schülerinnen und Schüler müssen im Religionsunterricht die Möglichkeit haben, sich mit diesen Regeln auseinanderzusetzen, was zum einen ein Verstehen, aber auch eine Überprüfung der Tragfähigkeit miteinschließt. Da die Frage nach dem guten Leben und dem richtigen Handeln nicht nur den christlichen, sondern auch den ethischen Bereich tangiert, werden auch ethische Ansätze (Kant) berücksichtigt.
Das 8. Gebot in der Zählung nach Luther1 wird umgangssprachlich meist mit „Du sollst nicht lügen übersetzt. Tatsächlich ist es im historischen Kontext aber sehr viel differenzierter zu verstehen, weil es sich auf gerichtliche Prozesse bezog. Eine falsche Zeugenaussage war aufgrund des Fehlens von Indizien und anderen modernen Methoden der Verbrechensaufklärung fatal für den Angeklagten. In diesem Kontext bekommt das Gebot eine geradezu existentielle Wendung.2 Luther dagegen deutet das Gebot sehr viel weiter und geht damit weit über den Anspruch in gerichtlichen Zusammenhängen hinaus. Hier wird es eher zu einer Lebenshaltung, wenn er fordert „[] dass wir unseren Nächsten [] entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum besten kehren3. Das Arbeitsblatt zum 8. Gebot greift beide Aspekte auf.
Lernsituation
Schülerinnen und Schüler dieser Altersstufe wissen, dass sie nicht lügen sollen. Moralische Konzepte sind bereits angelegt und auch im Elternhaus und in der Grundschule thematisiert worden. Die Schülerinnen und Schüler haben aber auch schon die Erfahrung gemacht, dass dies nicht immer ganz so einfach ist. Sicher haben sie schon Situationen in der Familie und mit Freunden erlebt, in denen es ihnen schwergefallen ist, die Wahrheit zu sagen oder in denen sie gelogen haben. Sie wissen, dass es unterschiedliche Formen von Lügen gibt (Notlügen; Lügen, die einen selbst oder andere schützen sollen; Höflichkeitslügen; Lügen, die verhindern sollen, dass es zu einem Konflikt kommt usw.), manche würden sie vielleicht gar nicht als Lüge im eigentlichen Sinne bezeichnen, sondern als Fantasie, Übertreibung oder Flunkerei.
Im Modell von Kohlberg, der sich mit den ethischen Entwicklungsstufen von Kindern und Jugendlichen beschäftigt hat, stehen viele Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 5/6 zwischen den Stufen 2 (Fairness als direkter Austausch) und 3 (Zwischenmenschliche Konformität). In letzterer Stufe wollen die Kinder den Erwartungen der anderen entsprechen, soziale Ankerkennung für gutes Verhalten bekommen, aber auch sich selbst für ihr Verhalten wertschätzen.4 Gerade vor diesem Hintergrund ist eine Auseinandersetzung mit (tradierten) Verhaltensregeln wichtig, aber auch die Erkenntnis, dass es verschiedene Entscheidungsmöglichkeiten gibt.
Anforderungssituation/Lernimpuls
Aus den oben skizzierten Gründen ist es wichtig, die Schülerinnen und Schüler mit schwierigeren ethischen Situationen zu konfrontieren, die keine einfachen Lösungen zulassen, um daran ihre...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen