5. – 10. Schuljahr

Annike Reiß

„Das muss jeder selber wissen!?

Theologische Gespräche mit Kindern und Jugendlichen führen

Die Frage nach der Wahrheit kommt im Religionsunterricht in mindestens zwei Facetten vor:
  • Ist das wahr, also ist das wirklich so passiert?
  • Wer sagt denn nun die Wahrheit, also wer hat die richtige Antwort?
Die erstgenannte Frage spielt auf ein Verständnis von Wahrheit an, das nur den Sachverhalten einen Wahrheitsanspruch zubilligt, die sich „begreifen lassen, die also angeschaut, gefühlt, gerochen, gehört werden können und wenn sie in der Vergangenheit passiert sind, müssen sich diese Sachverhalte zumindest theoretisch wiederholen lassen. Ein typisches Beispiel wäre die Frage angesichts der Heilung des Bartimäus: Ist es wahr, dass Jesus den Blinden geheilt hat, also ist das wirklich so passiert?
Die zweitgenannte Frage spielt auf die Exklusivität von Wahrheitsansprüchen an, im Sinne von „Es kann nur eine/r Recht haben. Die potenzielle Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Wahrheiten ist hier nicht im Blick bzw. wird verneint. Wenn im Religionsunterricht beispielsweise unterschiedliche Antwortmodelle auf eine Frage zur Debatte stehen, besteht der Wunsch, das „richtige Modell herauszufinden.
Nachfolgend wird dargestellt, wie die beschriebenen Facetten der Wahrheitsfrage im Rahmen theologischer Gespräche auf möglichst fruchtbare Weise aufgenommen werden können:
Wer mit Kindern und Jugendlichen theologische Gespräche führen möchte, sollte dieses Vorhaben vorbereiten:
  • Fragen (im Religionsunterricht) lassen sich in sogenannte „Glaubens- und „Wissensfragen unterteilen. Letztgenannte können einer eindeutigen, in der Regel mit (natur-)wissenschaftlichen Methoden nachgewiesenen Antwort zugeführt werden, z.B.: In welchem Ort wurde Martin Luther geboren? Die Glaubensfragen hingegen erfüllen dieses Kriterium nicht gleichwohl können sie beantwortet werden. Diese Antworten sind jedoch zunächst subjektiv geprägt und können sich durchaus unversöhnlich gegenüberstehen. Die Frage beispielsweise, was nach dem Tod geschieht, kann innerhalb des Spektrums „Nichts. bis hin zu „Das Leben geht weiter. beantwortet werden. Diese Unterscheidung sollte für die Schülerinnen und Schüler transparent gemacht werden, um ihnen eine angemessene Gesprächshaltung für ein theologisches Gespräch zu ermöglichen.
  • Für ein theologisches Gespräch sollten drei Grundregeln vereinbart werden:
  • Äußerungen von Gesprächsteilnehmern und -teilnehmerinnen werden nicht wertend kommentiert, dürfen jedoch zu kritisch-konstruktiven Rückfragen anregen.
  • Gesprächspausen sind möglich und durchaus auch erwünscht; in jedem Fall sind sie auszuhalten.
  • Die eigene Antwort auf eine Glaubensfrage kann und darf keine Allgemeingültigkeit beanspruchen.
Für das theologische Gespräch selbst wird nun eine geeignete Frage benötigt, d.h. eine Frage, die sich dem Spektrum der Glaubensfragen zuordnen lässt. Dabei können auch Impulse, die nicht in Frageform vorliegen (Bilder, Zitate etc.), eingesetzt werden sie sind dann in eine entsprechende Frage zu überführen.
In einem ersten Schritt können sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen zu der Frage positionieren, wobei die Antworten möglichst schriftlich festgehalten und visualisiert (z.B. auf Karteikarten auf dem Boden in der Stuhlkreismitte ) werden. Es folgt eine erste Systematisierung der Antworten, die die Schülerinnen und Schüler idealerweise selbst vornehmen. Auf dieser Grundlage wählt die Lehrkraft nun sogenannte „weiterführende Deutungsmöglichkeiten aus. Dabei ist mit „weiterführend keine Verbesserung im Sinne von „Ich sag euch nun, wie es richtig geht. gemeint, sondern eine Hilfe zur Einordnung, Verbalisierung und Vernetzung innerhalb der Theologie.
Beispiel:
Die Schülerinnen und Schüler tauschen sich über die Frage „Gibt es Wunder in unserer Welt? aus und erhalten über den Schritt der Systematisierung die drei Antwortmöglichkeiten „Ja, ich habe selbst schon Wunder erlebt., „Das hängt...

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