5. – 10. Schuljahr

Joachim Willems

Soll ich mein Christsein zeigen?

Eine Spurensuche zum Religionsunterricht zwischenöffentlicher Positionalität und eigener Religiosität

Die Schule hat die übergeordnete Aufgabe, Bildung in einem umfassenden Sinn zu ermöglichen.Bildungsprozesse betreffen das individuelle Verhältnis sowohl zur Welt als auch zum Individuum selbst.Sie sind dadurch gekennzeichnet, dass sich Menschen in der Auseinandersetzung mit Inhalten bilden.Im Religionsunterricht geht es dabei vor allem um Religionsfreiheit: Die Schülerinnen und Schülersollen lernen, reflektiert von ihrem Grundrecht Gebrauch zu machen.

Religiöse Bildung
Die Schule und der Religionsunterricht sind nicht dazu da, um überzeugten Christen eine Plattform zu geben, damit sie „Zeugnis ablegen, wie es in gewissen Kreisen heißt. Die Schule ist aber auch nicht religionslos oder gar „religionsfrei zu halten, um eine vermeintliche staatliche Neutralität zu gewährleisten.Vielmehr hat die Schule die übergeordnete Aufgabe, durch Unterricht Bildung in einem umfassenden Sinn zu ermöglichen.
Bildungsprozesse sind dadurch gekennzeichnet, dass sich Menschen in der Auseinandersetzung mit Inhalten bilden. Diese Inhalte werden, didaktisch transformiert, unter einer fachlichen Perspektive in den Unterricht eingespielt und bearbeitet. „Sich bilden weist als reflexives Verb darauf hin, dass Bildungsprozesse mehr sind als ein Abspeichern von Wissen. Indem ich mich bilde, lerne ich, die Welt besser zu verstehen und in ihr zu handeln; ich verändere mich dabei meine Fähigkeiten, meine Sichtweisen, möglicherweise meine Einstellungen und Haltungen. Bildungsprozesse betreffen deshalb mein Verhältnis sowohl zur Welt, als auch zu mir selbst. Da ich es bin, der sich bildet, und ich nicht von jemand anderem gebildet werden kann und soll, impliziert die Rede von Bildung auch Selbstbestimmung und Freiheit.
Religionsunterricht geht es vor allem um Religionsfreiheit: Die Schülerinnen und Schüler sollen lernen, reflektiert von ihrem Grundrecht Gebrauch zu machen. Das beinhaltet die Möglichkeit, aber gerade nicht die Vorgabe, ein religiöses Leben zu führen. Auch jemand, der sich mit guten Gründen entscheidet, aus der Kirche auszutreten, lässt sein Grundrecht für sich wirksam werden. Der Religionsunterricht, in dem Grundrechtsbildung in diesem Sinne stattfindet, muss selbstverständlich auch selbst den Schülerinnen und Schülern Religionsfreiheit gewähren.
„Konfessioneller Religionsunterricht
Vor dem beschriebenen Hintergrund ist die Formulierung problematisch, mit der in einem Zeitungsartikel die Ansprache eines Bischofs im Gottesdienst anlässlich der Erteilung der Missio canonica wiedergegeben wird. Dort heißt es, den „Glauben an die jungen Menschen [] weiterzugeben, sei Aufgabe der künftigen Religionslehrer. Es gelte, die Kinder wie jungen Menschen zu befähigen, ihrerseits Zeugnis [vom] Glauben zu geben[,] und hier sei der Religionsunterricht ein wichtiges Einübungsfeld.1 In dieser Sicht erscheinen die Schülerinnen und Schüler ausschließlich als Empfänger eines vorgegebenen Glaubens; die Möglichkeit, dass sie für sich diesen Glauben nicht annehmen und nicht Zeugnis geben wollen, kommt nicht in den Blick.
Etwas anders stellt sich die Situation für die Lehrkräfte im konfessionellen Religionsunterricht dar. Sie verpflichten sich, den Religionsunterricht „in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften (Art. 7 Abs. 3 Grundgesetz) zu erteilen. Die negative Religionsfreiheit von Lehrkräften ist dadurch garantiert, dass kein Lehrer „gegen seinen Willen verpflichtet werden [darf], Religionsunterricht zu erteilen (ebd.).
Man könnte auch mit Blick auf die Schülerinnen und Schüler argumentieren, dass ihr Recht auf negative Religionsfreiheit hinreichend durch die Abmeldemöglichkeit in Art. 7 Abs. 2 Grundgesetz sichergestellt sei und sie sich, wenn sie am Religionsunterricht teilnehmen, beispielsweise an religiösen Handlungen beteiligen oder in...

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