9. – 10. Schuljahr

Harmjan Dam

Christsein zwischen Nächstenliebe und Schuld

Die Schattenseiten der Heimerziehung

Thematischer Schwerpunkt
Zwischen 1949 und 1975 waren etwa 800000 Kinder und Jugendliche in der Bundesrepublik Deutschland in Heimen untergebracht. Fast 80 % davon, so Frings und Kaminsky in ihrem Buch „Gehorsam Ordnung Religion (Münster 2012, S. 545) befanden sich in katholischen oder evangelischen Einrichtungen. Im Feld der sogenannten „Ersatzerziehung hatte die konfessionelle Heimerziehung eine wichtige und vorherrschende Position in Deutschland, u.a. aus dem Grund, dass Plätze in den kirchlichen Einrichtungen oft viel billiger als andere Heimplätze waren. Billiger auch deshalb, weil viele der Mitarbeitenden ungeschult waren, einfache Handwerker oder Mitglieder eines Ordens (Nonnen). Sie handelten aus christlicher Nächstenliebe, weil sie davon überzeugt waren, dass zum Christsein die Sorge für die Waisen, Halbwaisen oder „verwahrloste Kinder und Jugendliche gehörte. Gleichzeitig galt hier die Auffassung, dass diese „unerzogenen Kinder und „gefallenen Mädchen (z.B. schwangere Minderjährige) nur mit Härte zu gesellschaftlich nützlichen Wesen erzogen werden konnten. In den konfessionellen Kinderheimen und Waisenhäusern herrschte der autoritäre Geist der Vorkriegszeit noch lange nach, allerdings nicht nur hier, sondern in den 1950er- und 1960er-Jahren galt dies verstärkt in der ganzen Nachkriegsgesellschaft der BRD. Strafen wie Schläge (sogar mit der Peitsche), Isolation und Einsperren („Besinnungszeit), Demütigungen (wie Hauskleidung, kurz kalt gemeinsam duschen und Haare abschneiden) waren gängig, bis hin zur sexuellen Nötigung. In den Heimen herrschte eine strenge Hierarchie und autoritärer Gehorsam; theologisch und religionspädagogisch damit untermauert, dass es sich um „verlorene Seelen und „Sünder und Sünderinnen handele, die nur durch Strenge und kollektive religiöse Rituale auf den rechten Weg gebracht werden konnten. Bis weit in die 1960er-Jahre hinein prägten zahlreiche Missstände die Praxis der Heimerziehung: die rigide und demütigende Strafpädagogik, das Eindrillen von sittlicher Reinheit und Enthaltsamkeit, die unzureichende Schulausbildung der Heimkinder, verengte Berufsausbildungen (besonders bei Mädchen), die mangelhafte Sozialversicherung und die streng geregelte Freizeit.
In der Mitte der 1960er-Jahre wurden die Zustände in den Heimen, insbesondere die Gewalt an Kindern und Jugendlichen, zum ersten Mal kritisiert, u.a. durch öffentlichkeitswirksame Heimkinderentführungen. Eine der ersten Kritikerinnen war die Pfarrerstochter, Journalistin und spätere RAF-Terroristin Ulrike Meinhof. Die Kritik führte zu Veränderungen. Der Evangelische Erziehungsverband erklärte Ende der 1960erJahre, anstelle der alten Erziehung „unter dem Gesetz eine Erziehung „unter dem Evangelium anzustreben: statt Strafen heilpädagogische oder therapeutische Interventionen, statt Disziplin individuelle Persönlichkeitsbildung.
Im Jahr 2006 gab es eine große öffentliche und politische Debatte, ausgelöst durch die Dokumentation des Spiegel-Journalisten Peter Wensierski: „Schläge im Namen des Herrn. Erst jetzt fühlten die ehemaligen Heimkinder sich ermutigt, ihre eigenen traurigen Geschichten zu erzählen und mit ihren Erfahrungen von Gewalt, Demütigung und sexuellem Missbrauch an die Öffentlichkeit zu gehen. Der Bundestag berief daraufhin einen „Runden Tisch Heimerziehung ein, geleitet von der Grünen-Politikerin, Bundestagsvizepräsidentin und Theologin Antje Vollmer. Die Forderungen der ehemaligen Heimkinder nach einer Anerkennung ihres Leides, nach einer Entschädigung und nach einer Rente für nicht sozialversicherte Arbeitsleistungen wurden anerkannt. Es wurde ein 120 Millionen Euro umfassender Fonds eingerichtet, aus dem individuelle Hilfen und Rentenersatzleistungen an die ehemaligen Heimkinder bezahlt wurden.
Lernsituation
Am Ende der Pubertät können Jugendliche mit etwas Distanz auf die...

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